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Buchtipp: Michael Freemans Kunst der perfekten Belichtung

Dienstag, August 4th, 2009

Gleich vorneweg: Dieses Buch habe ich in das Deutsche übersetzt – und es war mit ein Vergnügen. Als ich dafür das Original zur ersten Ansicht vom Verlag bekam, war meine erste Frage, wie wohl Michael Freeman dieses Thema in seine “Einzelteile” zerlegen wird. Ich kenne bereits mehrere Werke dieses britischen Fotografen und Autoren, unter anderem den Bestseller Der fotografische Blick, und schätze seine Art, wie er einzelne Aspekte gründlich, strukturiert und auch mit einem fotografiehistorischen Hintergrund beleuchten und dem Leser nahebringen kann, ohne dabei langatmig zu werden oder sich in technischen Nebenschauplätzen zu verlieren.

Michael Freemans Kunst der perfekten Belichtung

Michael Freemans Kunst der perfekten Belichtung


Nun aber zum Buch: Freeman geht weit über die technischen Fragen der Belichtung hinaus und regt den Leser zu Belichtungsentscheidungen an. Das Wort “Belichtungsentscheidung” findet sich immer wieder im Buch und verdeutlicht, dass es sich bei der Belichtung um ein aktives und im besten Sinne gestalterisches Wirken des Fotografen handeln kann, wenn er denn diese Rolle übernimmt und nicht die Kamera belichten lässt. Er gliedert dazu das Buch in fünf Teile: Das erste, kurze Kapitel komprimiert gleich vorneweg das Folgende und konzentriert sich auf Entscheidungsfindungen, strukturiert und auffordernd zum Einüben, denn bei manchen Motiven muss es auch einmal schnell gehen. Im zweiten Kapitel geht es um die technischen Belange der Belichtung: Zusammenhänge mit den Aufnahmeparametern, Möglichkeiten und Limitationen von Kameras und Sensoren, die Methoden der Belichtungsmessung oder die Rolle der Farbe. Programmatisch ist das dritte Kapitel mit “Die Zwölf” benannt. Freeman unterteilt alle möglichen Belichtungsszenarien in zwölf Situationen – was immer man durch den Sucher sieht, lässt sich in einer dieser Szenarien einordnen. Hier nennt er auch jeweils konkret, was man als Fotograf dabei abschätzen und berücksichtigen sollte, und wo Schlüsselstellen und Schlüsseltonwerte liegen. Kapitel 4: Gestaltung. Ja, mit Belichtung(sentscheidungen) gestalten – anstatt, ich wiederhole mich gerne – belichten lassen. Besonders gefallen haben mir hier seine Überlegungen zu Low-key unter dem Abschnittstitel “Lob des Schattens” (einem japanischen Essay aus den 1930er Jahren entliehen, das die Einführung der Glühbirnen schmäht) und die Art, wie er das heilige Ansel Adams´sche Zonensystem erst zerpflückt, in seiner ursprünglichen Intention als inadäquat für die Digitalfotografie entlarvt und dann doch den Nutzen zeigt, wenn man (der Digitalfotografie adäquat) in Zonen denkt. Chapeau! Das letzte, kurze Kapitel schließt das Buch mit der Nachbearbeitung ab. Die Möglichkeiten der nachgelagerten Belichtungsregelung mit Raw-Konverter oder HDRI-Techniken sind schließlich nicht von der Hand zu weisen.
Freemans Kunst der perfekten Belichtung ist nach einem Doppelseitenkonzept aufgebaut – fast jedes Einzelthema ist so ohne Umblättern studierbar – und eine Website mit Beispielbildern für die Monitoranzeige unterstützt den visuellen Vermittlungswert der guten und treffenden Abbildungen. Bei den Aufnahmen konnte Freeman aus seinen reichhaltigen Fundus wählen, und so sehen wir Beispiele von Auftragsarbeiten etwa für Time-Life oder solche, die für Architektur- und Designbücher entstanden.
Die Lektüre alleine führt natürlich nicht zur perfekten Belichtung. Üben, Praxis erlangen und sich an der Kamera mit Freemans Wegweiser zur aktiven Belichtungsarbeit auseinander zu setzen – dazu fordert das Buch auf. Ein simples “Tu es so” erspart Freeman dem Leser dabei, und das ist auch besser so.

Michael Freeman, Kunst der perfekten Belichtung, Markt&Technik, ISBN 978-3-8272-4435-2, € 29,95

Richtige Belichtung bei Raw-Aufnahmen

Montag, Juli 20th, 2009

Bei DSLR-Fotografen ist das Aufnehmen im Raw-Format zunehmend populär geworden. Schließlich bietet das Raw-Format – neben anderen Vorteilen – einigen Spielraum bei der nachträglichen Belichtungseinstellung. Je nach Kamera können dies bis zu zwei Blendenstufen sein, mindestens eine Blendenstufe Belichtungskorrektur per Software ist aber auf jedem Fall machbar. Doch wie soll man nun in der Kamera belichten? Soll der Schwerpunkt darauf liegen, alle Lichterzeichnung zu erhalten und deshalb besser unterzubelichten? Oder soll man besser daruf achten, dass die Bildtiefen gut durchgezeichnet sind, mit der Gefahr, dass Lichter ausreißen? Die (vielleicht wenig überraschende) Empfehlung ist: Belichtet auf die Lichter. Und bei kritischen Bildtiefen im Motiv: Besser leicht überbelichten.

Raw-Aufnahmen: Negative Belichtungskorrekturen sind besser.

Raw-Aufnahmen: Negative Belichtungskorrekturen sind besser.


Aufgrund der Umverteilung des linearen Helligkeitsverlaufs einer Raw-Datei in eine gammakorrigierte Bilddarstellung, wie sie unserer Sehweise entspricht, ist eine Belichtung auf die Lichter bis hin zu einer leichten Überbelichtung ratsamer als eine Unterbelichtung. In den dunkleren Bildbereichen stehen nämlich nach der obligatorischen Gammakorrektur weniger aufgezeichnete Tonwerte zur Verfügung – die dunkelste Blendenstufe ist mit weit weniger Tonwerten besetzt als die nächsthellere – und diese Tonwerte werden bei einer Unterbelichtungskorrektur im Raw-Konverter gespreizt, was zu Abrissen in dunklen Bildbereichen führen kann. Noch schlimmer: Die Tonwertspreizung verdeutlicht auch erbarmungslos vorhandenes Bildrauschen, das sich vorzugsweise in den Bildtiefen ansammelt. Ein zweites Argument für eine Belichtung auf die Lichter ist, dass im Raw-Konverter Tonwertrekonstruktionen am Lichterende leichter gelingen. Man sollte also den zusätzlichen Tonwertumfang einer Raw-Aufnahme dazu nutzen, in der Belichtungskorrektur per Raw-Konverter die Lichter exakter einzustellen.
Noch ein Hinweis: Die Belichtung lässt sich am Kamera-Display mit der Histogrammanzeige kontrollieren. Dazu sollte man jedoch wissen, dass die Histogrammanzeige aus der in der Raw-Datei eingebetteten JPEG-Vorschaudatei erzeugt wird. Diese kann je nach Kameramodell eine etwas hellere oder dunklere Tonwertverteilung haben als die Raw-Datei beziehungsweise die Standard-Entwicklung einer Raw-Datei. Solche Abweichungen lassen sich durch mehrere Vergleiche von Standard-Rawentwicklungen und entsprechenden JPEG-Aufnahmen (am besten im Modus Raw + JPEG aufgenommen) feststellen.